Džemaludin Alić

Der Patarener


Aus Bosnischen: Brigitte Kleidt


In Bosnien erzählt man sich, daß Dobri, der Gute, eines Morgens vor dem ersten Hahnenschrei in Teutovo eintraf. Niemand bemerkte ihn, als er bei der alten Herberge ankam und den Rappen an die Pappel band, die bis in den Himmel reichte. Nur die Witwen und Verlassenen spürten einen Schmerz in der Magengrube, die jungen Mädchen hingegen Wärme. Es war zu der Zeit, als das Osmanische Reich auseinander zu brechen begann und der Fluß Save eine unruhige und blutige Grenze wurde. Viele kundige Bosniaken wußten, daß auch das Böse eine Kehrseite hat, daß das Reich stürmischen Zeiten entgegenging. Und daß der Sultan in Konstantinopel etwas ausbrütete. Der Wesir in Travnik ordnete die Hinrichtung von ein paar bosniakischen Kapetanen an. Er ließ sie mit Orden schmücken und ehrte sie dann mit seidenen Bändern. Unter ihnen war auch Murat, der Kapetan von Gradaèac. Bosnien verschlug es die Sprache angesichts der Güte der Türken. Wer konnte, verriegelte sein Tor; Haiducken, Uskoken, Gauner und Banditen wurden immer dreister und mächtiger. Vielleicht bedienten sich die Türken ihrer, um Angst und Unruhe zu verbreiten. Man hörte auch die Hymne der Kaiserlichen; einige hölzerne Brücken und Mühlen bei Žepèe gingen in Flammen auf. Die Karawanenwege wurden noch unsicherer. Einige Fuhrleute kehrten niemals aus Skopje zurück. Es war jene Zeit, in der die Bosniaken ihre Wunden heilten und neue Kräfte sammelten. Und Ausschau hielten nach dem ersten Funken Widerstand am Himmel.

Teutovo, eine Kleinstadt am Ufer der Bosna und der Straße von Bosna Brod nach Vranduk, mit vierzig Schornsteinen und einhundertneunundneunzig Seelen, schlief tief an diesem Morgen. Die Nacht lag in den letzten Zügen, mond- und sternenlos. Die einzige Lichtspur rührte von dem Herdfeuer der alten Herberge, die man an der Verbindungsstraße von Bosna Brod nach Sarajevo errichtet hatte. Und diese Straße wurde etwa hundert Schritt weiter von einer zweiten und viel wichtigeren Route geschnitten, der von Konstantinopel nach Travnik. Die Reisenden, die gestern abend aus dem Gebiet jenseits des Flusses, aus der Save-Ebene und Slawonien gekommen waren, waren schon auf den Beinen und schlürften Kaffee aus kleinen Tassen. Am Herd arbeitete der Herbergsvater, Nail, ein dicker Mann mit raschen und geschickten Handgriffen. Er kümmerte sich nicht groß darum, wer aufstand oder sich auf die Abreise vorbereitete. Denn in allen Herbergen und Gasthäusern Bosniens galten dieselben Gesetze und Sitten.

In einer Ecke abseits des Herdes, auf einem Hocker mit einem Fuchspelz darüber, saß der eben eingetroffene Fremde. Er trug eine Jacke aus Wollstoff, weite, an den Waden eng werdende Hosen aus feinem, dunkel glänzenden Stoff, einen tiefroten Turban und einen breiten Ledergürtel, den Bensilah, in dem ein Paar Pistolen, der Tabaksbeutel und eine goldene Uhr steckten. Seine Füße schmückten Opanken aus Rindsleder, wie man sie in Visoko fertigte. Auf dem Boden vor ihm lagen sein Regenumhang mit dem Beutel und dem Kopfschutz aus Wollstoff, das Gewehr Pljeveljer Machart, die Satteldecke, der bunte Überrock und der pelzgefütterte Mantel sowie der rauchgeschmiedete Säbel aus Varcar Vakuf. Die Satteltasche trug er noch über der rechten Schulter.

Dieser merkwürdige, zugleich bescheidene und stolze Fremde fixierte mit seinem Blick die vergoldete Säbelscheide eines hageren, hochgewachsenen Mannes in den Vierzigern, der auf einem Ziegenfell saß und seine Zähne gierig in ein Stück gebratene Lammkeule schlug. Auf dem Eßtischchen vor ihm lagen aufgeschnittenes Kalbfleisch und Schafskäse aus dem Vlašić-Gebirge. Gekrönt wurde das Ganze von einem bunten walachischen Kürbisfläschchen mit Schnaps, aus dem er von Zeit zu Zeit trank oder das Fleisch übergoß. Er bot niemanden von seinem Essen an, obwohl ihn die anderen Gäste, Flüchtlinge und Händler mit abgezehrten, ausgemergelten, hungrigen Gesichtern umgaben. Mitten in einer Herberge oder einem Haus allein zu essen, galt in Bosnien damals als unverschämte Sünde. Dem Fremden entging das nicht.

»Was glotzt du wie ein Ochse?« fuhr der hagere Händler den Fremden unvermittelt an und sah ihm direkt in die Augen. Dann warf er die halb abgenagte Keule den Hunden im Hof vor. So ließ er den Unbekannten wissen, daß in dieser Herberge alles nach seiner Pfeife tanzte.

Der Fremde schwieg und betrachtete die vergoldete Säbelscheide des Händlers. Es beeindruckte ihn nicht, daß sich die Hunde jetzt im Hof um den Lammknochen balgten.

»Welches Unglück bringt dich her? Bist du einer von uns oder ein Flüchtling?« insistierte der Händler wichtigtuerisch. Wenn sie über Nacht reich werden, verändern sich manche Bosniaken plötzlich und zeigen ihr wahres Gesicht. Sie werden böse und dreist, heimtückisch. Aus ihnen bricht ein unnatürliches Bedürfnis, sich anderen aufzudrängen, zu richten und abzuurteilen, als seien sie von Gott gesandt, um die Menschen zu Verstand und auf den rechten Weg zu bringen.

»Dein Vater ist ein Flüchtling«, knurrte der Fremde durch die Zähne.

Der Händler sprang auf, und in seinen Händen blitzte der Säbel.

»Komm schon! Kämpfe, Fremder! Heute morgen wirst du nicht mehr zum Beten kommen!« brüllte er und forderte den Neuankömmling heraus.

»Nur wenn Allah der Allmächtige es will«, antwortete der ruhig und führte sein Kaffeetässchen an die Lippen.

Der Säbel in den Händen des Händlers zitterte, als fehle ihm die Kraft oder der Mut, ihn zu schwingen. Er war offensichtlich daran gewöhnt, daß ihn die anderen fürchteten, und so spielte er in dieser Herberge oft den Helden. Und jetzt kam dieser Unbekannte in feinen Kleidern daher und trank in Ruhe seinen Kaffee, ohne seinem Zorn und dem Säbel in seinen Händen Bedeutung zuzumessen.

In den Herbergen Bosniens ereignete sich alles mögliche, und die Anwesenden schenkten diesem Vorfall wenig Aufmerksamkeit. Jeder war bestrebt, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern und nicht zum Zeugen von etwaigen Vorfällen zu werden. Kein Mensch im Bosnien unter türkischer Herrschaft versuchte jemals, sein Recht in letzter Konsequenz einzufordern, wenn er keine zuverlässigen Zeugen hatte: von der Regierung bezahlte Spitzel. In dem Händler ging eine plötzliche Veränderung vor sich, wie in jedem Feigling, als ihm einfiel, er könne seinen Säbel gegen jemand erhoben haben, der im Dienste des Sultans stand, oder schlimmer noch, gegen einen fremden Gesandten. Der Säbel fiel ihm aus der Hand und klirrte, als er gegen die Eisenzange beim Herd schlug.

Zwischen dem Gasthof in Teutovo und dem Sitz des Wesirs in Travnik lag nur ein leichter Tagesmarsch. Kam der Reisende oben in dem Dorf Gradišće an und überquerte den Berg Vjetrenica, war er schon in Han Bila und Vitez, und dahinter lag an derselben Straße das Örtchen Dolac. Von dort, wo überwiegend Katholiken wohnten, mußte man zum Sitz des Wesirs in Travnik noch am Grabmal des Märtyrers, vorbei, in dem seit kurzem der Sarajever Dichter und Kalligraph Mejli bestattet war. Am Ortseingang von Travnik lag neben der einzigen Steinbrücke die Kukavica-Medresse, dann folgte man dem Ufer der Lašva und bog nach der Quelle des Bachs ›Blaues Wasser‹ in die erste Gasse links. Dort befand sich der Amtssitz des Wesirs. Weiß, mit nur einem Balkon, umgeben von Rosenstöcken und Wachposten.

Der Händler war mehrfach auf der osmanischen Straße nach Travnik gereist. Einmal beschwerte er sich, weil er bei Vranduk ausgeraubt worden war. Er hatte türkischen Kaffee bester Qualität über Novi Pazar und Kotor herbeigeschafft. Aber er brachte ihn nicht bis Travnik, wo er für mehrere Jahre das Privileg gekauft hatte, dort Kaffee zu rösten und zu mahlen. Sogar Wesir Ali Dželaluddin Pascha trank seinen Kaffee. Der Wesir hatte den Händler kurz in Gegenwart des Finanzbeamten empfangen und beauftragte den Polizeichef aus Nemila mit der Verfolgung. Er war streng, unbestechlich, gerecht und wenig zimperlich. Er herrschte auf eigene Faust.

Die Räuber waren bald gefaßt. Sie stammten aus Varcar Vakuf. Da man den Kaffee bei ihnen fand und sie alles gleich zugaben, mußte der Richter nicht lange nachdenken. Er verurteilte sie zum Tod. Sie wurden am zehnten Tag des Monats Ramadan mit seidenen Bändern erdrosselt, nachdem sie das Nachtgebet verrichtet und sich an gebratenen Hühnern und Butterpita sattgegessen hatten. Ihr Anführer namens Mehmed Tica bat, man möge ihm vor seinem Tod auf der Trommel spielen und die Zigeunerin Hanka aus Prioèica, die vielen aus Bosna Brod und Teutovo den Kopf verdreht hatte, für ihn tanzen lassen.

Und man holte die Zigeunerin Hanka in die Festung von Travnik. Gleich nach dem Abendgebet brachte man sie in das Verließ, in dem die Todeskandidaten schmachteten. Sie begann, das Tamburin leise zu schlagen. Der alte Wärter Šamil Pomrèina nahm die Trommel, die er in der Schlacht gegen die Kaiserlichen unter Ravna Kula bei der Stadt Tešanj erbeutet hatte, und sang:

»Heiiii, seit es Banja Luka gibt …«

Hanka ließ ihren Nabel kreisen und stellte sich vor Mehmed Tica, dem so in der Nähe von Hankas üppigen Brüsten die Augen übergingen, als die Zigeunerin vibrierend, mit raschen, abgehackten Bewegungen ihre Hüften wiegte. Er sabberte und brach in Tränen aus. Etwas bekümmerte ihn, als bereue er bitterlich, nur als Dieb und Spitzel durchs Leben gegangen zu sein. Er hatte stets Kontakt zu den Herrschenden gehabt, da er auf Hochzeiten und anderen Festen, bei Gelagen und Jahrmärkten und besonders zu Bajram, dem Opferfest am Ende des Fastenmonats Ramadan, sang. Manchmal sogar für den Wesir oder dessen Stellvertreter. Und indem er so von Fest zu Fest tingelte, traf er Menschen und hörte, was sie sagten, und sah, was sie taten. Alles das fand sich kurze Zeit später in einem Geheimdossier des Polizeichefs und vieles anschließend vor dem Kadi, dem Mufti oder, wenn es um ernsthaftere Dinge ging, vor Osman Kavaz, dem Kajmekam oder Stellvertreter des Wesirs. Tica hatte eine niedrige Stirn, eine krumme Nase, ein fast bartloses Kinn, eine ungehobelte Art und eine scharfe Zunge. Er spielte geschickt den Besoffenen oder mimte Unaufmerksamkeit. So waren viele auf ihn hereingefallen. Auch Frauen hatte er nicht verschont. Erfuhr er, wo ihr Gatte Gold oder Dukaten versteckte, ging er fort und zeigte sie wegen Liederlichkeit und Untreue an. Viele waren wegen ihm in einen Brunnen oder das trübe Wasser der Bosna gesprungen.

Man erzählte sich, er habe den Scheich von Žepèe, Abdulvehab Ilhamija, angezeigt wegen der Predigten, die dieser in der Moschee gehalten hatte. Eine Verlassene aus Žepèe sollte für ihn herauszufinden, wo die Kopèić Begs ihr Gold versteckten, und er erfuhr von ihr, daß es in der Moschee diesen Scheich gab, der in allem Bescheid wußte, sogar, wie die Türken das Volk ausplünderten. Mehmed lief in aller Herrgottsfrühe nach Travnik, um es dem Stellvertreter zuzutragen. Und übergab ihm ein Papier mit Versen aus der Feder des Scheichs:

Wunderlich ist unsere Zeit.
Nichts als Frevel
weit und breit.
Keine Gnad’
der Türke kennt,
Und Unrecht
Recht er nennt.

Nach der Lektüre dieser Zeilen lief dem Stellvertreter die Galle über. Rasch suchte er Kadi Rahman auf, und dieser verwies ihn mit einem Geheimbrief an den Wesir Ali Dželaluddin Pascha persönlich, vor dem ganz Bosnien zitterte. Selbst der österreichische Konsul in Travnik, Mittesser, fürchtete sich vor diesem denkwürdigen Türken. Der Wesir gab Anweisung, Scheich Ilhamija herbeizuschaffen. Ein Kurier unterrichtete den Sultan in Konstantinopel über den Vorfall: In Bosnien braue sich wieder einmal etwas zusammen.

Ilhamija wurde am nächsten Tag in der Abenddämmerung gefaßt. Man wartete, bis die Dunkelheit hereingebrochen war, um die Bürger von Žepèe nicht zu beunruhigen. An diesem Tag beteten nachmittags und abends Anatolier in der Moschee von Žepèe. Ilhamija erkannte sie später sofort wieder. Es war Freitag und mehr Menschen als sonst im Gebetsraum. Einwohner von Begov Han, Nemila, Vranduk und Maglaj. Ilhamija sprach über die Notwendigkeit, den wahren Glauben zu bewahren, den Glauben an den einen und einzigen Allah, den Allmächtigen, Allwissenden, Allsehenden und jedem sein Schicksal Zuweisenden, den einzigen, der gerecht urteilt und Anfang und Ende bestimmt. Und den Glauben jener zu verwerfen, die Seine Bestimmungen von Sünde und Strafe verrieten und falsch interpretierten. Alle sind wir vor Ihm gleich. Ohne Rücksicht auf Rang und Reichtum. Vor Ihn treten wir mit unseren Werken und unserem Glauben an Seine Macht und Einzigkeit. Ohne diesseitigen Glanz, ohne Gold und Silber. Nur Sein Gericht ist das wahre Gericht, alle anderen sprechen in Seinem Namen Recht, sie können, müssen aber nicht mit Seinen ewigen Gesetzen übereinstimmen.

Die Anatolier gingen nach dem Freitagsgebet ins Wirtshaus und tranken Kaffee, rauchten die Wasserpfeife und genossen den Bauchtanz von Šefka Kastrioti, einer Albanerin, die der aus Doboj gebürtige Kapetan von Maglaj auf der Flucht aus Anatolien mitgebracht hatte. Er hatte einige orthodoxe Walachen in Derventa erstochen, weil sie eine unverständliche Sprache redeten und nicht verraten wollten, wo sich die Ozrener Haiducken versteckt hielten.

Nach dem Abendgebet, als der Scheich und Imam Ilhamija seine lange, dunkelblaue Anterija aus Kaschmirwolle überzog und zu seinem Haus in einer nahegelegenen Gasse gehen wollte – packten ihn die Anatolier am Tor, fesselten ihn so, daß seine auf den Rücken gebundenen Hände sofort blau wurden, und warfen ihn wie einen Sack auf den Rücken eines Lastpferdes. Sie schoben einen Lederriemen unter dem Bauch des Tieres durch und banden Ilhamijas Hals und Füße aneinander, so daß die Beine des Gaules zeitweilig gegen seine Wange schlugen. Das Tuch, das er um den Fez gewickelt hatte, fiel in den Dreck, und das Pferd trampelte darüber. Der schneeweiße Schal wurde zu einem schwarzen Lumpen.

In der Festung von Travnik verhörten ihn tagelang Kaj-mekam und Polizeichef, später auch der Kadi. Sie wollten wissen, welche Verschwörung da gegen den Sultan in Konstantinopel und den Wesir in Bosnien im Gang war. Aber es gab keine Verschwörung, und Ilhamija konnte niemanden verraten. Sie schlugen ihn mit nassen Lederriemen, quälten ihn mit Feuer, unzählige Schläge mit Stangen und Peitschen trafen seine Fußsohlen. Nach zwei Wochen war er am Ende seiner Kräfte und wußte nicht mehr, wie ihm geschah. Er hatte, solange er bei Sinnen war, nicht einen Namen genannt. Nachdem er zum neunten Mal das Bewußtsein verloren hatte, wollte er ein letztes Mal sein Töchterchen und seine Frau sehen. Wenn du ein Geständnis ablegst, sagte der Polizeichef und gab Hero aus Gornji Vakuf ein Zeichen, sich tüchtig mit neuen Schlägen ins Zeug zu legen. Die Prügel trafen den Rücken des Scheichs. Ilhamija spie Blut und wurde bewußtlos.

Sie folterten ihn nicht länger. Stellten das Verhör ein. Brachten sein Töchterchen nicht zu ihm. In einer Vollmondnacht trat der Scharfrichter Kasim Debeljak, gebürtig aus Ponihovo, nach dem Abendgebet in Ilhamijas Zelle und brachte ihm gebratenes Ziegenfleisch und Wasser. Iß, sagte er, du Hund. Es ist deine Henkersmahlzeit.

Ilhamija rührte das Essen nicht an. Mit übermenschlicher Anstrengung rappelte er sich auf und stand auf seinen blutigen Fußsohlen. Er sprach den Nijet, den Entschluß, zu beten, verharrte aufrecht, verbeugte sich einmal, berührte zweimal mit der Stirn den Boden, stand wieder auf, in dieser Abfolge fünfmal nacheinander und noch einmal so oft. Am Schluß betete er laut die erste und die einhundertdritte Sure des Korans, die el-Fatiha und die Wal-Asr. Mitten in diesem Gebet näherte sich ihm der Scharfrichter von hinten, legte den seidenen Strick um seinen Hals und zog zu.

Scheich Ilhamija war augenblicklich im Jenseits. Er ließ die Festung in Travnik, den Henker, den Stellvertreter des Wesirs, den Polizeichef, den Kadi, den Wesir und all jene, die an seine Schuld glaubten, hinter sich. Und ging rechtschaffen und treu zu Allah, dem Allmächtigen. Jeder in Žepèe und jeder Bosnier wußte das.

»Ich komme von nirgendwoher«, hob der Fremde mit einer wunderlich tiefen Stimme an. »Ich komme von überall und nirgendwoher. Jetzt bin ich, wie du siehst, in Teutovo. Ich bin gekommen, um mich heute auszuruhen und dann weiterzuziehen.«

»Bist du ein Arzt in osmanischen Diensten oder ein Gesandter«, der Mann aus Foèa war hartnäckig.

»Du willst wohl alles wissen«, antwortete der Fremde lakonisch und zwirbelte seinen Schnurrbart.

»Ja, mir bleibt keine Wahl.«

»Dann hör zu, Händler aus Foča. Es ist die lange und schwere Geschichte vom Land Bosnien. Wenn du sie kennst, wirst du nicht mehr der sein, der du bisher warst, du Geizkragen und Halsabschneider. Wenn du sie vergessen willst, wird es dir nicht gelingen. Denn du wirst nicht mehr vergessen können. Wenn du sie verkaufen willst, so wie du die Geschichte von jenem  Dželal Aga verkaufen wolltest, der in Bagdad studiert hat und dem du seine Notizen abgeschwatzt hast, die er in jahrelanger Einsamkeit, frierend und hungernd, zusammengetragen hat, und die du dann als Buch deines Sohnes ausgabst, der weder lesen noch schreiben kann – dann steh lieber auf und laß uns den Zweikampf gleich hier austragen. Denn mit den Guten scherzt man nicht, seit die Welt besteht.«

»Du bist Dobri, der Gute?« erbleichte der Händler und langte nach dem Tabaksbeutel, um sich eine Zigarre zu drehen.

»Jawohl, der bin ich. Und niemand außer mir ist dir auf die Schliche gekommen. Ihr Kaufherren habt Bosniens Seele verschachert. Das geht so nicht weiter. Es ist Zeit, daß du deiner Machenschaften überdrüssig wirst.«

»Die alten Hodschas sagen, du seist Patarener gewesen. Ein guter bosnischer Christ, ein guter Bosnier.«

»Ich war es, bis der Sultan Mehmed El-Fatih Bosnien erreichte.«

"Nun denn, Dobri, enthülle deine Geschichte, und wenn sie mich unsichtbar macht, und wenn mich deswegen die Hexen zerreißen, und wenn ich deswegen den schrecklichsten aller Träume träume: Mein Geburtshaus stehe in Flammen.«

»Es steht in Flammen, du Narr. Eben jetzt brennt es. Haiducken aus Miljevina haben es angezündet, eben jene, mit denen du das Volk um das Mehl betrogen hast, das du in Österreich und Kotor versilbert hast. Ganz zu schweigen von dem Gold aus Ragusa, das du den Kindern von Timur Beg Orlović gestohlen hast, dem Enkel von Scheich Hamza Orlović, der in Konstantinopel angeblich wegen Ketzerei und in Wirklichkeit für seinen Traum von einem selbständigen Bosnien hingerichtet wurde. Denn mit diesem Gold hast du die osmanischen Beamten geschmiert, von denen du alle notwenigen Papiere für deinen Handel mit allem und jedem bekamst.«

»Und ich werde mir ein Papier mit deinem Todesurteil verschaffen, das sollst du wissen!« schrie der Mann aus Foèa, der wieder Mut faßte.

»Ja, das Papier wirst du bekommen. Aber ich werde weit fort sein. In Cazin, dann in Venedig. Dort werde ich mit der Gondel am Markusplatz vorbeifahren und das Gold von Timur Beg zurückkaufen, um es den Kindern wiederzugeben.«

»Das wirst du nicht, bei Gott«, trotzte der Händler.

»Wie du meinst. Du mußt mir jetzt zuhören. Wenn du fliehen willst: Vor der Herberge haben sich die Mädchen versammelt. Sie wollen dich nach ihren Burschen fragen, die du mit deinem Verrat des bosnischen Heeres in den Tod geschickt hast. Sie sollten den Aufstand jenseits der Drina, in Mišar, niederschlagen.«

»Sogar das weißt du?« zitterte der Händler. »Du bist wirklich Patarener, der gute Bosniake. Fang an. Es ist Zeit für das Morgengebet, ich muß fort. Ich will über die Save bis nach Agram. Auch dort gibt es einen Markusplatz. Seltsam.«

Dobri strich sich über den dunklen Schnäuzer, führte die Kaffeetasse an die Lippen, schlürfte mehrmals, seufzte tief, wie Salko, der Geschichtenerzähler von Teutovo, wenn er mit einer seiner Geschichten aus dem Dubica-Krieg begann und den ersten Laut, das erste Wort aussprach. Dieses Wort hieß Weltall.

»Das Weltall ist ewig, unendlich und unzerstörbar. Es besteht aus den Gestirnen, Sonne, Mond und anderen Himmelskörpern, die in ihm wandeln. Es erschafft und vernichtet alles. Aus ihm kommen wir, in es kehren wir zurück. Es umgibt uns, allmächtig, klar, real und fest und doch unsichtbar, in unendlichen anderen Welten gegenwärtig als ewige, unsichtbare Macht, die an einem Tag so und an einem anderen anders erscheint. Das Weltall weiß alles und bewahrt seine Geheimnisse. Es ist der Hafen, in den man nach langer Fahrt einläuft, und Ausgangspunkt aller Abenteuer und Reisen. In ihm werden alle Rätsel gesponnen und die Lösungen dazu, alle Erzählungen und Märchen. Das Weltall wurde ein für allemal geschaffen, ist das Werk des höchsten und einzigen Schöpfers, das Werk Allahs, des Allmächtigen. Von diesem Schöpfer weiß man seit alters her, hat ihn sich nur unterschiedlich vorgestellt, oft auch falsch. Um den Menschen, sterblichen Geschöpfen, zu zeigen, daß auch sie etwas Ewiges in sich tragen und nur aus der Vielzahl der Formen in die Form sterblicher Dinglichkeit übergegangen sind, hat Gott Zeichen geschickt, Sonne und Mond über der Erde angeordnet, unzählige, unendliche Sternbilder, Kometen, Sternschnuppen, Licht und Dunkelheit und den gleichmäßigen Wechsel zwischen diesen beiden. Gott hat auch den Menschen geschaffen, das einzige lebende Wesen, das Geist und Seele hat, die Fähigkeit, zu begreifen, zu verstehen, zu sprechen und zu forschen und im Namen aller Lebewesen mit Dankbarkeit und Ehrfurcht das Recht auf ewiges Leben in einer ewigen Welt der Schönheit zu erwerben.

Diese ewige, unsichtbare Welt ist die allmächtige und unendliche Macht des Schöpfers, Seine unzweifelhafte Unerkennbarkeit, Seine unbesiegbare Existenz. Nur Er kennt die Geheimnisse des Lebens, die Er im Weltall beheimatet hat, in der Unendlichkeit seines Raumes, im Spiel der Gewalten, die wir nicht kennen und die uns auf ewig verborgen bleiben. Jene andere, gute, unsichtbare Welt, in die unsere Seele einst geht, bleibt irdischen Maßstäben ewig ein unbegreifliches Geheimnis. Nur wenige Sterbliche entschlüsseln dank ihrer seelischen Stärke und Gottesfürchtigkeit, ihres Wissens und Willens ein wenig von jener Welt oder gehen für immer in sie ein. Diese Menschen kann man sofort erkennen. Seit dem Bestehen der Welt gibt es einhundertvierzigtausend von ihnen, je vierzig halten sich in Bosnien auf. Seit der Ankunft von el-Fatiha gibt es unter ihnen auch sieben Bosniaken, ehemalige Patarener. Sie waren durch Gottes Willen in einer Höhle bei Vranduk eingeschlafen und schliefen in ihr dreihundertfünfundvierzig Jahre. In diese Höhle trat Uvajs-Dede mit dem Derwisch Ali aus Teutovo. Sie fanden dort die sieben schlafenden Jünglinge, beteten die erste Sure des Korans, und durch ein Wunder erwachten alle sieben augenblicklich. Und nahmen den Islam an. Denn das erste Wort, das sie gehört hatten, war – Allah. Einer von diesen sieben Jünglingen war ich.

Auf jene Menschen, die mehr sehen, wissen und fühlen, fällt Gottes Gnade. Sie geben einige ihre Einsichten weiter, wenn ernsthafte Menschen sie umgeben und ihnen zuhören und sich das Gehörte einprägen. Viele bleiben unverstanden und verkannt. Sie verschwinden mit ihren wahrhaftigen Bildern und Visionen, mit den höheren, höchsten Botschaften des Schöpfers. Einige dieser Botschaften sind in Büchern bewahrt. Viele sind noch im Himmel, im Weltall selbst, solche, die wir noch nicht verstehen, und solche, die uns noch nicht erreicht haben, weil wir jene außergewöhnlichen, begnadeten Menschen nicht hören, ihnen nicht zuhören oder sie nicht lieben. Daher rühren Erdbeben, Seuchen, Überschwemmungen, Feuersbrünste, Hungersnöte, Kriege und anderes Ungemach. Der Schöpfer zürnt und schickt eine Mahnung, aber die Menschen verstehen sie nicht. Er schickt ein zweites Zeichen, ein drittes, viertes und so weiter. Er schickt sie, seit die Menschheit besteht. Aber Mann und Frau können nicht von den Dämonen lassen. Teufel vergiften, verführen, verleiten sie auf den Weg des Bösen, zu falschen Lehren, zu Frevel und Sünde. Das, du armselige Krämerseele, wird nie ein Ende nehmen.

Es ist keinem Menschen gegeben, immer recht zu haben. Seit Jahrhunderte erzählen die Alten Bosniens, vor der Ankunft Mehmed el-Fatih´s und seines Heeres bei Bosna Brod habe in Janjići ein guter Mann namens Grubaè gewohnt Dieser Grubaè war Schmied, Steinmetz und Baumeister. Er schnitzte in Holz und meißelte in Stein. Eines Nachts hatte er einen Traum, in dem er den Auftrag erhielt, den größten Steinblock Bosniens bei Kakanj in Donja Zgošća zu behauen. Er stand schweißüberströmt auf, denn er wollte nicht, daß diese Himmelsbotschaft zu Ban Kulin vordrang, ihrem, der Patarener, aber auch der anderen Christen gnädigen und gerechten Herrscher, und fürchtete, daß ein solcher Felsblock schwerlich nach Donja Zgošća transportiert werden könnte. Er erzählte diesen wie jeden Traum seiner Frau, die ihn dann weitertrug. Sie hatte die Angewohnheit, dies vor dem Kloster zu tun, vor dem sich der Did, das Oberhaupt der bosnischen Kirche, gestützt auf einen großen Stab, dem Zeichen seiner Macht, anhörte, was ihm sein gutes Volk zu sagen hatte, das an das Gute im Himmel glaubte, in dem der Schöpfer von allem wohnte. Der Did hieß Hrabren. Um ihn scharten sich Mönche niederen Ranges, sogenannte Strojniks. Sie folgten seinen Anweisungen widerspruchslos.

Und es geschah, daß an jenem Morgen die Frau von Grubaè den Traum ihres Gatten dem Did vortrug, und zwar so laut, daß zahlreiche gute Bosniaken und Bosniakinnen mithörten. Ein großer Felsblock, wirbelte es dem Did durch den Kopf. Es war verboten, große Kirchen und Bethäuser zu bauen, sie galten als Zeichen der irdischen, dinglichen Welt. Nur Grabsteine, Stećci, aus Marmor, wurden deswegen mit Symbolen des Weltalls – Sonne, Monde, Sterne – bedeckt, mit Rosetten, Blumen und Ritterszenen. Man tanzte im Bosnien der Patarener Reigen auf den Gräbern, auch eine Szene, die auf den Stelen dargestellt ist. Denn der war glücklich, der die dingliche Welt  verließ und in das gute und ewige Weltall des Schöpfers einging.

Der Did wollte nicht, daß das Traumgesicht bis zum Ban selbst vordrang. Dessen Gattin Vojslava stand nach diesseitiger Macht und diesseitigem Genuß der Sinn. Der Did rief die Frau des Schmieds, Gruba, ins Kloster und befahl ihr, zu bereuen und zu widerrufen, am nächsten Tag vor versammeltem Volk öffentlich kundzutun, daß die Botschaft im Traum ihres Mannes Grubaè vom Satan stamme, der die Menschen vom rechten Weg ab- und das Böse über sie bringen wolle. Wenn sie der Traumbotschaft nicht abschwor, würden ihr beide Hände gebrochen und die Zunge aus dem Mund geschnitten. Und so geschah es. Gruba sagte sich öffentlich von ihrem Bericht über den Traum ihres Gatten und dessen Botschaft los.

Auch Grubaè hatte Angst. Er fürchtete tagelang, Soldaten des Ban und Mönche des Did würden plötzlich auftauchen mit dem Obersten Richter Gradiša an der Spitze, der jedes Urteil unmittelbar vollstreckte. Er kannte keine Gnade.

Aber etwas anderes geschah. Nicht einmal sieben Tage waren verstrichen seit dem Traum, und in Donja Zgošća fiel ein riesiger, brennender Block vom Himmel. Nachdem er ausgekühlt war, gab es wahrhaftig etwas zu sehen. Der Block war aus schneeweißem Stein, in ein Rechteck gehauen, zehnmal so hoch wie breit. Er stand mitten im offenen Feld und forderte Grubaè heraus, mit der Arbeit zu beginnen. Und der versteckte sich in einer Hütte und kam nicht mehr heraus.

Aber die Gattin des Bans, Vojslava, kam, um den Stein zu sehen. Sie ging zu ihrem Gatten. Er freute sich. ›Das ist ein Zeichen des Himmels‹, sagte er. ›Man muß diesen Steinblock bearbeiten. Nur wer bei ihm begraben werden soll, für wen er gedacht ist, das ist die Frage.‹

›Für dich, mein Ban‹, sagte Vojslava, ›das ist dein Stein. Denn du bist der erste Mann Bosniens, ein guter Christ, den nicht einmal Kasamaris vom rechten Glauben hat abbringen können.‹

Und erst jetzt wurde der Ban betrübt. Auf ihn warteten noch wichtige Aufgaben, die er für Bosnien und seine guten Bosnier erledigen wollte. Es war zu früh, zu scheiden. Aber das Angebot des Himmels, des guten Gottes, stand. Stand da auf dem Grund, in dem Garten seiner Sommerresidenz Donja Zgošća mit Pferden und Dienern, Did und Mönchen, Tänzern und Höflingen.

Der Ban fragte den Did um Rat. Der empfing ihn kühl. Er sagte, daß dem Land Bosnien von allen Seiten Gefahr drohe, daß der Satan im Aufwind begriffen sei, daß das Volk vermehrt an Besitz denke, teure Häuser errichte, daß Bosnien ein großes Unglück widerfahren werde, wenn das Volk sich nicht dem heiligen Evangelium zuwende. Oder wenigstens dem neuen bosnischen Testament, das an der Hochschule in Visoko geprüft wurde. Ein Diakon aus Padua hatte es abgeschrieben und vor seinem Tod gesagt, es sei von einem südfranzösischen Katharer verfaßt worden, der in Nizza gelebt habe. Dort hatten viele Katharer Mathematik studiert und ihr Evangelium in Zahlen verschlüsselt, durchdrungen von den Worten Jesu beim letzten Abendmahl, ein neuer Prophet namens Paraklet werde kommen, der würde von dem einen Gott sprechen und die Macht des Satans auf der Erde brechen. Der höbe die Trennung von geistiger und dinglicher Welt auf, indem er den Menschen, die durch Leid und Opfer an Sterblichkeit und Materie gebunden waren, die Möglichkeit eröffne, mit Hilfe seiner Gesandten die Ewigkeit des Einen zu erreichen. Ihnen werde gewährt, in seinem Namen zu unterrichten und seine Lehre zu verbreiten. Katharer, Mathematiker, Paraklet, eine Welt des Glaubens und eine Offenbarungslehre vom überwundenen Satan, ob es das ist, was wir brauchen, überlegte der Ban und beschloß, noch ein wenig nachzudenken über den Aufenthalt in der Welt des Satans. Er wollte mit einem jener Katharer sprechen, die in Visoko studierten und seine Bischofskirche in Milo besuchten. Dort hatte Grubaè bereits eine Inschrift gemeißelt, aber wie es aussah, hatte er die schwerste und vollkommenste Arbeit noch vor sich.

Der Mann, den sie zum Ban brachten, war jung, nicht einmal dreißig Jahre alt. Er mag noch zehn Jahre leben, dachte Ban Kulin, als er ihn sah. Seine Augen waren blau, die Haut dunkel. Er stammte aus Apulien und war nach Bosnien gekommen mit einer Karawane aus Zadar, der Handelsstadt an der Adria. Mit seinem Bruder Matthias verkaufte er goldene Ringe. Er nannte sich Aristodios.

Der Ban lud ihn ein, sich an den Tisch zu setzen und ihm alles über die Katharer und Paraklet zu erzählen. Aristodios lächelte; endlich wollte auch der bosnische Ban Kulin das Wesen des wahren christlichen Glaubens kennenlernen. Dort in Frankreich und in seiner Heimat Italien hatte man die Katharer zu Häretikern erklärt. Man verfolgte sie. Aber es gab auch viele, die der neuen Glaubensrichtung beitraten. Es gab zahlreiche Aufrührer und Abtrünnige. Noch war die Angelegenheit im Fluß, Rom beobachtete sie wachsam. Manchen schon hatte man verhört und eingekerkert, viele hatte die Nacht für immer verschlungen. Bei der Verfolgung der Katharer waren die Dominikaner besonders eifrig. Der Vater hatte Aristodios und seinen Bruder Matthias beschworen, nach Dalmatien zu fliehen. Dort konnten sie von dem Goldschmiede- und Malerhandwerk leben. Er empfahl sie einem alten illyrischen Goldschmied namens Donald, der sie beide in der Zunft der Goldschmiede von Zadar unterbrachte. Die Brüder verstanden sich so gut auf die Malerei, daß sie über ihre Arbeit bis nach Bosnien kamen. Dort illuminierten sie Evangelien und Sammlungen, geschrieben mit bosnischen oder den noch älteren glagolitischen Buchstaben. Nebenher sorgten sie für die Ausbreitung ihres Glaubens, der Lehre vom Guten im Himmel und dem Bösen auf Erden. Einige ihrer Glaubensbrüder aus Mailand und Venedig und nördlich der Alpen verbrannten auf Scheiterhaufen. Heimlich hatten sie die katharische Häresie angenommen. Man faßte sie und verurteilte sie zum Tod durch das Feuer, weil sie nicht das Blut der Christen vergießen wollten, die in die Irre gegangen waren, verführt von falschen Lehrern.

Der Ban lauschte aufmerksam. Es gab noch andere Missionare in Visoko, aber keiner war vertrauenswürdiger als Aristodios. Seine Geschichte fesselte den Herrscher. Aristodios wollte keinen Lohn, er interessierte sich nicht für’s Materielle. Wichtiger waren die Bücher, die er bei sich hatte. Er sei auch Mathematiker, sagte er. Er kannte Formeln, mit denen man die Entfernung von der Erde zum Mond berechnen konnte und den Weg, den das Licht von der Sonne zur Erde nahm. Er verstand sich auf Algebra, Arithmetik, Trigonometrie und Geometrie, sprach von geraden und gekrümmten Linien, von Kreis, Dreieck, Quadrat, Rechteck und schrieb das alles mit seinen merkwürdigen mathematischen Zeichen auf, die die Assyrer, Babylonier, Mesopotamier, Ägypter, Griechen und Araber durch Generationen bewahrt und entwickelt hatten. Einige dieser ältesten mathematischen Zeichen waren nur noch den Katharern bekannt, denn Wissenschaft und Forschung wurden allerorten als gottlos verfolgt. Man fürchtete, ihre Anhänger wollten als Sterbliche sich göttliche Kräfte zueignen.

Aristodios erzählte auch von den Hellenen, den Pythagoreern und ihren Mysterien, von der Bewegung der Sonne, der Erde, des Mondes und anderer Planeten. Er erwähnte Aristoteles, Platon, Demokrit und andere Griechen. Er wäre gerne nach Syrakus gereist, sobald es seine Zeit erlaubt hätte. Er stand mit Ragusanern und deren Kolonien in Visoko und Srebrenica in Kontakt. Sie brachten wichtige Nachrichten, Bücher, Silber- und Goldschmuck nach Bosnien. Und Papier. Im Nachbarland Serbien, auf der anderen Seite der Drina, war sein, Aristodios’, Name verflucht. Verboten. Man rief das Volk auf, ihm die Gefolgschaft zu verweigern. Aber die Bosnier folgten ihm. Darum hatten sie die Hochschule in Visoko gegründet, damit alle verfolgten Freidenker Europas dorthin fliehen konnten. Auch die Katharer und die Patarener, versteht sich. Darüber diskutierte er mit Herrn Kabužić aus Ragusa, der mit Papier und Silber handelte und behauptete, nur in Ragusa und Bosnien gäbe es Freiheit. Ringsum herrsche Furcht und Finsternis. Das Volk sei verängstigt, wage kaum zu atmen. Die Kirche behellige es mit Steuern, Scheiterhaufen und Bannsprüchen. Mit Verhören und Verließen. Immer mehr Menschen suchten Zuflucht in Bosnien, ein Ozean der Geistesfreiheit. Bosnien oder Ragusa dienten Forschenden als Versteck für die Früchte ihrer geistigen Arbeit. Und zwischen Bosnien und Ragusa bestanden gute Beziehungen. Besonders, seit die Bürger Ragusas in Bosnien durch einen Erlaß des Bans unter Schutz standen, Händler, Menschen, die aus der weiten Welt Nachrichten brachten, aus allen Mittelmeerländern, aus Afrika, Byzanz, der Markusrepublik, Dalmatien, England, Frankreich und Deutschland. Selbst Ragusaner flohen manchmal vor den Venezianern nach Bosnien, die ihre Ansprüche einzutreiben suchten, seien es Steuern oder Schulden. Und Ragusa war klein, zu klein, um sich mit dem Riesen zu messen. Besser versteckte sich der Kleine in Bosnien, bis der große Doge seine Forderungen vergaß oder abschrieb.

Ban Kulin geleitete Aristodios bis zum Tor des Palastes. Beim Abschied schenkte er ihm ein illuminiertes bosnisches Evangelium. Und wünschte ihm einen glücklichen Aufenthalt in Bosnien. <

Und es entschied sich Ban Kulin. Er trug seinem Baumeister Grubač aus Janjići auf, einen Stećak für ihn, den Herrscher Bosniens aus dem Steinblock zu hauen, der vom Himmel gefallen war. Die Stele sollte üppig verziert sein, er und seine Frau Vojslava sollten dargestellt werden, Did Hrabren, die Mönche, die bosnischen Großherzöge, Grafen und Edelleute. Auch das gemeine Volk und Soldaten. Die Personen sollten in drei Reihen angeordnet werden, von der Spitze bis zum Boden, je nach dem Platz, der ihnen in der Hierarchie seines Staates zukam.

Und Steinmetz Grubač ging ans Werk. Meißelte Tag für Tag, Monat für Monat an der Lebenssäule, wohl wissend, daß der Ban leben würde, solange er an der Stele arbeitete. Deswegen holte er so oft als möglich Auskünfte beim Did ein oder beim Richter Gradiša in bezug auf den Sinn einzelner Szenen, den Grad der Ausschmückung, der Ornamentik, die rechten Anordnung der Personen und welche Inschrift er in den Stein schneiden sollte.

Lange erwägten sie die Botschaft. ›Hier liegt Ban Kulin und seine Frau Vojslava‹, schlug der Oberste Richter, Herr Gradiša aus Gradišće bei Bosna Brod, vor. ›Und sein Sohn Zgost und seine Tochter Vela. Er starb jung und voller Sehnsucht nach dem Himmel. Er geht freudig zum guten Gott, aber die Bosnier weinen um ihn. Und du, der du bist wie er und seine Familie, du wirst bald mit ihm sein. Ewig sind der Himmel Gottes und Sonne und Mond und Sterne.‹

Grubač war mit diesem Text zufrieden und wollte ihn als letztes Element in die Stele meißeln. Er widmete sich eifrig den Ornamenten und Reliefs. Die Figuren mußten sprechen. Und die Augen des Bans und seiner Frau und ihrer Kinder mußten mit ihrem Blick ihr Land Bosnien durchdringen und ihr Volk, damit es sie niemals vergaß. Und die Grabinschrift wurde nie in Stein gemeißelt.

In derselben Nacht schlug der Blitz in das Haus des Bans, in dem er mit seiner Familie schlief, und alle kamen ums Leben. Auch seine Frau Vojslava und die beiden Kinder. Ganz Bosnien versank in tiefer Trauer. Landauf, landab erklang Wehklagen. Und Steinmetz Grubač fühlte einen heftigen Schmerz unter dem Herzen, fiel ins Stroh seiner Hütte und stand nicht mehr auf. Er starb jung, im siebenundzwanzigsten Lebensjahr, aus Trauer um den Ban, seine Frau und ihre Kinder. Stecak in Zgosca

Der Ban und seine Familie wurden unter jenem leuchtenden, weißen Felsblock bestattet, der im Volksmund Stećak heißt. Es stand da, und er sah sie an, erinnerte sie an die Vergänglichkeit des Lebens und die Ewigkeit des Himmels. Jeder Verständige und Edelmütige pilgerte zu der Stele, und für den Steinmetz Grubač stellten sie einen Marmorstein auf in den Bergen, bei der Quelle der Mošćanica, damit er das Murmeln des Wassers in Ewigkeit würde hören können.




Abschnitt aus dem Roman "Der Patarener", Gollenstein Verlag,
Blieskatel 2003, 360 Seiten, Preis: 23Euro.



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