Die Wahrheit öffnet die Berge

Manfred Jöhnichen: Eine Anthologie der serbischen Poesie des 20.Jahrhunderts, Gollenstein, Blieskastel, 2004.

Es ist eine schwierige Frage: Darf ich als Bosnier überhaupt über die serbisch-montenegrinische Poesie des 20. Jahrhunderts schreiben? Ist das moralisch während der wegen Völkermord und Vertreibung von Kroaten und Bosniaken angeklagte serbische Anführer ( noch immer ohne Brüder Karadzić und Mladić)in Hag sitzt? Die Folgen der Milosević's Regierung von 1992 bis 1995 sind: 200.000 getöteten Bosniaken und Kroaten, die meisten waren unbewaffnete Zivilisten. Über 7.000 Bosniaken aus Srebrenica, die ihre Waffen niedergelegt hatten, wurden "nach hohem ethischen Imperativ" in wenigen Nächten geschlachtet. Sie glaubten, die serbische Anführer wüssten, dass Srebrenica UNO-Schutzzone sei und dass die Konventionen aus Genf über die gefangene Soldaten noch immer unberührt geblieben sind. Umsonst. Die Rache gegen 'Türken' geht seit 1804 immer weiter. Sie bezeichnen Bosnier/Bosniaken als 'Türken',um ihr Recht auf die Rache gegen 'Türken' ( sprich: Bosniaken, Moslime) in ganzen Bosnien-Herzegowina seit 28.06.1389 für immer auszuüben. In Sarajevo, Hauptstadt der Republik Bosnien und Herzegowina, sind über zehntausend Bürger alle Nationalitäten durch serbische Kanonen und Scharfschützen ums Leben gekommen. Unter ihnen 2.000 Kinder.

In Sarajevo, wie in der ganzen Republik Bosnien und Herzegowina,lebten die Serben ganz normal, auch ihr Anführer Dr. Radovan Karadzić, ein montenegrinischer untalentierter Dichter der davon träumte alle Muslime in Bosnien-Herzegowina zu vernichten. Und tatsächlich, nach dem Mythos-Muster von Amselfeld, wo die Serben 28.06.1389 im Kampf gegen die Türken eine schwere Niederlage erlebt hatten, versuchte er seine mörderische Vision zu verwirklichen.Die durch Quellen belegte historische Wahrheit ist, dass der Bosnische König Tvrtko I. unter der Führung von Fürst Vlatko Vuković seine Elitesoldaten ausschickte, um den Serben im Kampf gegen die Türken zu helfen. Die Serben haben das vergessen und lieber die volkspoetische "Wahrheit" von Guslasängern angenommen. Nach diesem Guslagesang jeder Bosnier der im 'serbischen' Bosnien lebt ein 'Türke' sei und deswegen die Serben haben sich verschworen und verpflichtet die Rache gegen 'Türken' auszuüben. Den "Türken" gehören auch die Albaner an, die - wie ein Teil von Bosnier - von den Illyren abstammen, die Urbewohner des Balkans. Aber, darüber wird in südslawischen ( als panslawischen! ) Büchern kein Wort verloren! Auf dem Balkan 'beginnt die Kultur'(Geschichte, Sprache, Religion, u.s.w.) 'mit den slawischen Völker'.

Am Anfang gehörten 'diesem Volk' nur Serben und Kroaten an. Seit der Gründung des Königsreiches Serben, Kroaten und Slowenen im Jahr 1918 tauchte in der südslawischen Geschichte noch ein Volk – die Slowenen ( in der Nähe der Alpen) auf. Montenegriner und Mazedonier tauchten als Völker erst seit 1945 auf. Seit 1974 gibt es in der Verfassung von SFRJ auch ein 'neues' Volk – die Muslime ( historische Bosniaken ) und Albaner die ihre Autonomie am Amselfeld (Kosovo) bekamen.

Als Milosević am 28.06. 1987 am Amselfeld etwa eine Million Serben um sich sammelte um 'den Sieg' gegen die Türken zu feiern, drohte er denjenigen die nicht unter serbischen Stiefel weiter in Jugoslawien leben wollten.Ganz im Stil der Guslagesänge und des Mythos von Kosovo.So ist und so sieht serbisches Heldentum aus. Die permanente Rache.

Und jetzt zur serbischen Poesie. In mehreren Kriegen die Serben verursacht und durchgeführt hatten, besonders im I. Weltkrieg, als etwa 1 Million Serben Opfer des Krieges wurden, hatten auch die Dichter ein Los zu tragen. Das Amselfeld-Epos, die Krige und ihre Erfolge wurden zum Leitfaden der Serbischen Poesie. Die besten serbischen Lyriker des 20. Jahrhunderte lebten im Exil, oder machten Schule in Europa, meistens in Frankreich. Dort lernten sie französische, englische, deutsche und österreichische Kunst- und Literaturbewegungen kennen: Romantik, Modernismus, Symbolismus, Expressionismus, Surrealismus und Neomodernismus. Die serbischen Surrealisten Milan Dedinac, Aleksander Vučo, Oskar Davičo ( ein Jude und Antifaschist!), Dusan Matić, die fast parallel mit französischen Surrealisten ihr Manifest veröffentlicht hatten, sind auch heute als hochrangige serbische Poeten anerkannt. Das waren hochbegabte, mutige Intellektuelle, besonders Dedinac, Matić und Davičo, die wollten dass in Serbien unkonventionelle und moderne Ideen ihren Platz in Literatur und Kunst finden und dass es eine Stimme gibt die auf ungewöhnliche Weise gegen mythische und kleinbürgerliche Wahrheit protestiert. Das war die erste und die letzte Revolution in der serbischen Dichtung.

Leider wurden fast alle dieser Dichters von der serbischen nationalistischen Literaturkritik verlacht. Besonders der Jude und Titos Partisan Oskar Davičo, der aus Protest nach Sarajevo übersiedelte, wo er die Zeitschrift "Dalje" ( "Weiter") gegründet hatte. Hier veröffentlichte er viele gegentraditionalistische und gegennationalistische Texte! Die Antwort aus serbisch- und bosnischnationalistischen Literaturkreisen war ungewöhnlich hart und gnadenlos. Einige serbische Dichters griffen den alten Barden Davičo auch physisch an. Alles was in dieser antinationalistischen Richtung veröffentlicht wurde,in Belgrad und Zagreb, besonders in Sarajevo, wurde beschimpft von heute 'großen' Dichtern und 'Kosmopoliten'. Fast alle sind die Söhne von Tschetniks oder Stalinisten. Nach Oskar Davičo und Marko Ristić, der Opfer von Nationalisten – folgte Danilo Kiš, auch ein großer Dichter und Romancier. Er verteidigte sich besser als Oskar Davičo und starb jung an Krebs. Auch Davičo starb 1989 in Belgrad. An der Macht war Slobodan Milosević. Davičos Name war unoffiziell verboten.Bei der Beerdigung in Belgrad waren nur zehn mutige Intellektuelle aus ganzen Ex-Jugoslawien. Dichter Zagoričnik aus Slowenien, Ostoja Kisić, bosnischer Serbe und Kritiker der Miloševićs Diktatur, Vujica Rešin Tucić, Dichter aus Novi Sad, Ante Fiamengo, Dichter und Kritiker aus Zagreb, Goran Babić, Dichter und Redakteur aus Zagreb und andere. Mit Oskar Davičos Tod war eine mutwillige Epoche der jugoslawischen Kunst abgeschlossen. Nur fünf bis neun serbischen Schriftstellers hatten nach Ausbruchs des Krieges den Mut, den Machthaber Milosević und die JNA (Jugoslawische Volksarmee) zu kritisieren: Milan Bogadanović, Ostoja Kisić, Vujica Rešin Tucić, Mirko Kovač... Zu wenige! Auf verschiedene Weise haben fast alle in der nazionalistischen 'Kriegsrevolution' teilgenommen. Diese 'Kriegsrevolution' haben die Serben 'Befreiung des serbischen Volkes' gennant! 'Befreiung!'- Von wem eigentlich? Ja, es waren auch diejenige die geschwiegen haben! Zu wenig für einen 'hohen ethischen' Imperativ, wie Peter Handke es sieht!

Die Anthologie der serbischen Poesie des 20. Jahrhunderts ist gut gemacht, ästethisch beobachtet. In der Anthologie scheinen Gedichte von 88 Dichtern auf; 16 davon sind jedoch aus Bosnien-Herzegowina. Die Frage ist nur ob Skender Kulenović, der wie Oskar Davičo Tito-Partisan war, zu dieser Auswahl gehört? Er ist einer der besten bosnisch-bosniakischen Dichter und Romanciers. Seine Frau, Schauspielerin, ist eine Serbin und er lebte mit Familie in Belgrad. Seine letzte Lebensjahre verbrachte er in Mostar in Bosnien-Herzegowina. Er starb nach dem er ein Telegram aus Belgrad erhielt, in dem geschrieben stand, dass er für seinen Roman 'Ponornica' einen Preis bekäme. Als er am Morgen danach nach Belgrad kam und die Tageszeitung kaufte, las er, dass ein serbische nationalist den Preis erhalten hatte.Der alte Dichter und Partizan starb an der Stelle an Herzinfarkt.
Und:Ist es möglich und moralisch Skender Kulenovic’s Dichtung als serbische zu nennen? In keinem Fall! Kulenović ist der Klassiker der bosnischen Literatur; ähnlich wie der Dichter Mak Dizdar, den sich die kroatische Literatur angeeignet hat.

Auf diese Weise versuchten die Nationalisten seit 1848 die bosnische Literatur zu zerstören. Das ist ein politisches Rezept für die Zersplitterung von Bosnien-Herzegowina. Manfred Jähnichen konnte das nicht wissen, aber er ist gut informiert und ein guter Kenner der südslawischen Literaturen und Sprachen. Diese politisch-literarische Lücke hätte er umgehen können.

In der 'serbischen Diaspora' hat Manfred Jähnichen vier Dichter gefunden: Stevan Tontić, Dragoslav Dedović, Savo Vučić und Snežana Minić. Danica Rudović-Nain lebt in Berlin und hat einen Gedichteband veröffentlicht. Ein paar von ihren Gedichten kann man als anthologische betrachten. Die serbische Diaspora ist auch in Amerika, Frankreich, Italien usw. vertretten, so wie die kroatische und bosnische Diaspora. In dieser Anthologie sollten außerdem unbedingt zwei Dichter, die in Frankreich leben, präsent sein: Kolja Mićević und Branko Aleksić. Auch drei Dichter aus Serbien fehlen: Vojica Rešin Tucić (einer der besten Postmodernisten in Serbien), Jovica Aćin und Milan Nenadić. Schade um diese sehr informative und gut strukturierte Anthologie.


Dzemaludin Alić

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