Wissenschaftsführer Bosnien, Bosna-Bosona: Jahrhunderte Bosnien, Bosnische Sprache und Literatur, die Quellen, Bosone, Bosnier - in drei Nationen

Džemaludin Alic

DICHTER IN SREBRENICA


Roman



Kapitel III


Das holländische Bataillon der Vereinten Nationen in Srebrenica war im nordöstlichen Teil der Stadt stationiert. Hinter dem gut abgesicherten Betonzaun mit Maschinengewehrsitzen und Beobachtungspunkten konnte man einen guten Teil der Ausgangsstrasse nach Tuzla sehen. An diesem Stützpunkt in Srebrenica waren um die hundert holländische Soldaten, mit der Aufgabe, die Ordnung und Ruhe in der Stadt zu erhalten, in der Stadt, die vor dem Krieg um die 10 Tausend Einwohner hatte und jetzt waren es über 20 Tausend, weil bosnische Vertriebene aus den umliegenden Dörfern und Ortschaften dort Zuflucht gefunden hatten. Da waren auch um die 8.000 Soldaten der bosnischen Armee.

***

Dirk, ein großer, rothaariger, junger Mann aus Amsterdam, der erst 20 war, konnte überhaupt nicht verstehen, was sich in Srebrenica und ihrer Umgebung abspielte. Sie hatten schon seit Monaten ununterbrochen das Donnern der serbischen Kanonen, Panzern und Minenwerfern, deren Geschosse in der Nähe der Stadt und manchmal auch in die Stadt selbst fielen, gehört. Gefallene und verletzte Verteidiger wurden von der bosnischen Armee nicht alleine gelassen, sondern mit den Bauernwagen, gezogen von den Ochsen in die Stadt transportiert. Unter dem Krankenhauspersonal entdeckte Dirk eines Tages ein völlig neues Gesicht. Eine junge Frau, mit blonden Haaren und blauen Augen, tapfer, geschickt und tüchtig. Sie ging mit den Soldaten an die Front und versorgte sie dort schon mit der ersten medizinischen Hilfe, und assistierte danach den Chirurgen bei den Operationen. Er wusste, dass sie manchmal nicht mal die notwendigsten Medikamente hatten, und ging einmal in das Krankenhaus und fragte nach der blonden Krankenschwester. Sie kam verwundert, weil sie wusste, dass die "Blauen" mit den Bosniern keinen Kontakt aufnehmen dürften, außer offiziell, nach Protokoll.

- Ich heiße Dirk- sagte er.

- Wie heißen Sie?

- Zehra - antwortete sie und stellte sich so als wäre sie auch irgendwie eine Fremde, die die bosnische Sprache nicht so gut konnte.

- Medizinstudentin und Krankenschwester.

- Hier, das ist mein Geschenk. Diese Tasche mit Medikamenten.

- Sie dürfen uns nicht helfen - sagte sie und sah ihn mit ihren Himmelblauen Augen an.

- Das weiß ich. Ich verletze die Regeln meines Dienstes. Das tue ich Ihretwegen. Wegen Ihre Haare. Und Ihren Augen. Sie ähneln meiner Verlobten Gerda. Sie ist in Amsterdam. Sie schreibt mir jeden Tag. Und fragt wann ich nach Hause zurückkomme. Und warum wir den Bosniern nicht helfen zu überleben.

***

Die Gruppe der Flüchtenden verstummte plötzlich bei dem Klang des Wortes Tod. Dann sprach jemand hinter deren Rücken auf sie ein:

  - Hej, muslimische Brüder! Ich bin hier aus der Gegend. Ich kenne hier alle Wege. Kommt mir nach.

Die Gruppe kam zusammen und beriet sich kurzerhand unter sich. Eine Minute später sagte der Älteste, der mit dem rechten Bein lahmte:

- In Ordnung. Führe uns! Und wie heißt du?

- Suljo. Suljo Sivric?.

- Muslim?

- Natürlich. Schon immer gewesen. So wahr mir Gott helfe!

Die Menschen aus Srebrenica vertrauten sich diesem fremden Mann an und gingen ihm nach. Zehra war etwas vorsichtiger und ging weiter seitlich, auf einer vernünftigen Distanz zu diesem Mann, nicht vor und nicht hinter ihm. Sie dachte sich, dass er einer von diesen Menschen sein könnte, die andere in die Falle locken. Und sie hatte sich nicht geirrt. In einem Moment warf sich dieser Man zu Boden und danach hörte man Kreuzfeuer aus vielen Maschinengewehren. Und Schreie der naiven Männern aus Srebrenica. Die meisten waren sofort tot. Die Übrigen haben die Soldaten erschossen, die aus der Deckung rauskamen.

- Perfekt- lobten die Serben ihren Lockvogel und gingen zurück in ihren Hinterhalt.

- Wir werden auf die nächsten warten.

Der Lockvogel Suljo ging zurück in den Wald um nach neuen Flüchtigen zu suchen. Er kam nicht weit. Ein Schuss aus der nächsten Nähe warf in auf die Erde. Es war Zehra, die einsame Freiheitskämpferin.

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